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Buchvorstellung von "Zufall und Lüge Kompakt"

erstellt am 07. November 2022

Mathematiker werden vom Pokerspiel magisch angezogen. Sie genießen das Arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und erfreuen sich am Erfinden neuer Regeln. Doch hat man ganz früh schon herausgefunden, dass ein Profit ohne den Bluff nicht möglich ist. Man muss auch auf schlechte Karten setzen können, um im Spiel Erfolg zu haben. Und so haben die Mathematiker keine andere Wahl gehabt, als sich das eigentlich Unmögliche vorzunehmen: Sie haben daran gearbeitet, den Bluff zu berechnen.

Die moderne Spieltheorie ist in Wirklichkeit der Versuch, die Funktionsweise des Bluffs zu mathematisieren. Sosehr sich die Mathematiker jedoch darum bemühen, das Spiel berechenbar zu machen, sosehr wehrt es sich auch gegen eine mathematische Vereinnahmung.

Die errechnete Gewinnwahrscheinlichkeit ist langfristig orientiert und prophezeit somit einen statistischen Erfolg, der sich gerne Zeit lässt. Die Sandkörner des Schicksals warten nur allzu geduldig im oberen Teil des Stundenglases. Der Mathematiker stellt sich stattdessen den fertigen Sandberg vor und schimpft das Rieseln durch den engen Hals bloß unnötigen Lärm.

Die Vorstellung eines Pokerspiels, das sich vollständig berechnen ließe, ist vergleichbar mit einem Irrgarten ohne Ausgang. Die Gedankengänge des Mathematikers entsprechen den unendlichen Reflexionen eines heimtückischen Spiegelkabinetts: Die Spur führt immer zu einem selbst zurück, und wo sie es nicht tut, läuft man gegen eine Wand.

Genau darin liegt das Erbe der virtuellen Pokerrevolution. Im Zuge der Digitalisierung des Spielgeschehens wurde die Software zum Äther einer neuartigen Wirklichkeit. Der ursprüngliche Bezug des Pokerspielers zum menschlichen Erlebnisraum wurde ersetzt durch das Starren auf einen Bildschirm. Die leibliche Präsenz des Gegenspielers und das Hantieren mit echten Karten wurde ausgetauscht gegen den graphischen Output eines mysteriösen Datenstroms. Damit änderten sich auch die Regeln des Spiels auf dramatische Weise: Ein Pokerspieler muss nicht mehr beobachten, sondern rechnen können; nicht mehr fühlen, sondern wissen.

Gewiss braucht ein Verständnis von Poker auch die Psychologie. In Poker geht es um menschliches Verhalten, welches psychologisch erklärbar ist. Wir haben alle Ängste und Hoffnungen, sind blind vor Wut oder zittern aus Nervosität. Wir haben unterbewusste Regungen und handeln mitunter impulsiv. Der Mathematiker interessiert sich jedoch höchstens dafür, wie er seine Gefühle ausblenden kann, damit sie seinen Berechnungen nicht im Weg stehen.


„So, das hast du jetzt davon!“ sagt der Psychologe in triumphalen Worten nach seinem erfolgreichen Bluff.
„Auf lange Sicht verlierst du aber,“ kontert der Mathematiker mit kühlem Gemüt. „Du wirst schon sehen.“

Diese Karikatur zweier Zugänge zu Poker fasst die heutige Pokerdebatte erstaunlich gut zusammen. Wir stoßen auf eine enorme Schieflage, die eine sinnvolle Diskussion über das Pokerspiel unmöglich macht.

Genau hier kommt „Zufall und Lüge“ ins Spiel. Bei meiner Pokertheorie handelt es sich um einen Bruch mit dem vorherrschenden Paradigma, das von der Mathematik ausgeht. Ich vertrete nämlich die Ansicht, dass die Mathematik das Spiel nicht alleine erklären kann. Genauso wenig kann das aber auch die Psychologie! Ich behaupte vielmehr ein gleichberechtigtes Nebeneinander.

Natürlich bin ich nicht der Erste, der solche Gedanken formuliert. Ich bin aber der Erste, der dieses Nebeneinander konsequent durchdiskutiert. Ein solches Vorhaben wird gerade dadurch erschwert, dass die beiden Seiten sich eigentlich gegenseitig verneinen wollen. Die Mathematik will die Psychologie verleugnen, weil die besseren Karten gewinnen müssten. Und die Psychologie will die Mathematik verleugnen, weil die Karten für einen erfolgreichen Bluff egal sein sollten.

Und tatsächlich haben beide Recht. Sie widersprechen sich, aber sie haben beide Recht. Einen solchen Widerspruch bezeichnet man aus der Warte des Logikers als Antinomie. Dabei stehen zwei Sätze im Widerspruch, und doch sind sie beide richtig. In meiner Theorie spreche ich auch von der „Poker-Antinomie“, die sich durch die gesamte philosophische Analyse zieht. Je nachdem, auf welche Seite man sich konzentriert, stellt sich das Spiel anders dar. Die eine Seite ist theoretisch und vernünftig, beschreibt Zahlen und schaut zurück. Die andere Seite ist pragmatisch und triebhaft, braucht Gefühle und blickt nach vorne.


Poker ist immens kompliziert. Die bisherigen theoretischen Auseinandersetzungen lassen viele Fragen unbeantwortet. Meine Herkules-Aufgabe hat darin bestanden, zumindest einen Teil der Komplexität des Spiels zu ergründen. Meine Theorie beschreibt das Spiel dabei aus der Warte eines Philosophen, für den nichts selbstverständlich ist. In „Zufall und Lüge“ möchte ich neue Wege aufzeigen, wie man über das Spiel nachdenken kann. Und ich will eine Antwort auf die Frage liefern, wie das Spiel überhaupt funktioniert.

 

Die Fertigstellung der Theorie hat tausende Arbeitsstunden beansprucht. Ich habe mir zwei Jahre (!) Auszeit vom Beruf genommen, um in Vollzeit an ihr zu werkeln. Einen Großteil meiner Lebenszeit in diesen zwei Jahren habe ich mit Schreiben und Nachdenken verbracht. Immer wieder hat es Denkblockaden gegeben - sowie Gründe, sich zu ärgern. Meinen Blick habe ich jedoch stets nach vorne gerichtet. Mit eiserner Disziplin (und ohne Eile) habe ich mich durch ein undurchdringlich erscheinendes Dickicht an Problemen durchgearbeitet. Das gesamte Manuskript hat mehrere Revisionen durchlebt und gerade dadurch einen hohen Grad an Vernetztheit erlangt.

Die Original-Theorie ist für viele jedoch zu lang und zu kompliziert gewesen. Aus diesem Grund habe ich mich ans Werk gemacht, sie zu vereinfachen. Ich habe eine Kurzfassung geschrieben, in der die wesentlichen Konzepte knapp zusammengefasst werden. „Zufall und Lüge kompakt“ ist die daraus resultierende Einführung in meine Theorie.

Im Pokerspiel steht der Mensch im Zentrum. Und wer das Pokerspiel verstehen will, der muss auch den Menschen verstehen wollen. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass man durch das Spiel viel über den Menschen lernen kann. Durch eine Analyse von Poker können wir die egoistischen, narzisstischen sowie neurotischen Seiten des Menschen beleuchten. Wir können einen Blick hinter die Fassade unserer Wirklichkeit werfen, die nicht immer echt sein muss; während der Bluff unser Augenmerk auf die Bedeutung der Intuition lenkt, und wie wichtig ein Vertrauen in uns selbst ist. Doch zeigt der Bluff auch auf, wie vielfältig die Mechanismen sind, mit denen sich Menschen gegenseitig manipulieren – sei es im Alltag, im Beruf oder in der Liebe.


Ich möchte Sie recht herzlich zu meiner Buchpräsentation in Wien einladen! Kommen Sie vorbei und diskutieren Sie mit!

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